Herzlich willkommen...

Und ich war erst fünfzehn

 

Ich wurde als erstes Kind am 31. Mai 1929 in Neuses geboren. Meine Eltern Alois und Elisabeth betrieben eine Metzgerei. Die Zwillingsbrüder Engelbert und Hermann kamen am 28. April 1931 zur Welt. Wir waren eine religiös orientierte katholische Familie wie viele in unserem Dorf. Ich besuchte die Volksschule, das Domgymnasium (Rabanus-Maurus Schule) in Fulda und studierte anschließend Architekturwesen an der Fachhochschule Gießen-Friedberg mit Abschluss „Diplom Ingenieur“(Bau)

 

Ich möchte von meinen Jahren als Internatsschüler

im bischöflichen Konvikt zu Fulda berichten, über eine

Zeit, in der ich aus dem kindlichen Verstehen heraus-

gerissen wurde, umgekrempelt wurde zu einem

Jungen, voller Stolz auf die deutschen Soldaten, deren

Erfolge und auf mein Deutschland. Aber auch, dass ich

furchtbar enttäuscht wurde, vor allem wegen der schrecklichen Ereignisse, die sich in dieser Zeit abgespielt haben.

 

Meine Aufzeichnungen beginnen im Jahr 1944, enden 1945.

 

Auf Bahnfahrten von und nach Fulda,   jeweils zu

Ferienbeginn oder Beendigung, waren die Zugabteile immer

mehr von Soldaten, Flakhelferinnen, Krankenschwestern,

auch von Verwundeten belegt. Mir gefielen die schmucken

Uniformen der Blitzmädels und Offiziere.

Da kam mir schon der Gedanke, ja, ich will einmal Offizier bei der Luftwaffe werden. Ich war in meiner jugendlichen Einbildungskraft voller Enthusiasmus und Erwartung auf die Soldatenzeit. Wahnsinn. Während der Bahnfahrten erzählten die Soldaten von den siegreichen Schlachten im Westen und auch im Osten. Es wurden ja im Radio immer wieder Sondermeldungen darüber durchgesagt. Damals konnte ich mir eine Niederlage der deutschen Wehrmacht überhaupt nicht vorstellen, was für ein großer Irrtum.

 

Amerikaner und Engländer hatten bald die Lufthoheit im Land, aber mussten auch schwere Verluste hinnehmen.

 

Bei einer Wanderung durch den Wald vernahmen wir Jungs starken Fluglärm. Wir wollten kurz nachschauen,

als ein fürchterliches Maschinengewehrfeuer zu

hören war und über unseren Köpfen prasselten Geschosse in das Laub der Bäume. Deutsche Jagdflugzeuge (Me 109) kämpften mit feindlichen Begleitjägern und beschossen die amerikanischen Flugzeuge.

Wie wir später hörten, wurden dabei 3 Bomber abgeschossen. Glück für uns, wir blieben heil.

Schweinfurt wurde damals bei dem Luftangriff schwer getroffen. Hauptziel waren die Kugellagerwerke.

 

Im Raum Freigericht, Langenselbold und Gelnhausen wurden entlang der Kleinbahnlinie zum Schutz der Fahrgäste Gräben ausgehoben, in denen man sich bei Fliegerangriffen verstecken konnte. Es kam immer wieder zu solchen Angriffen auf die Kleinbahn, wo die Dampflok beschädigt wurde. Auch die Bahnhöfe selbst wurden mehrfach beschossen. In Somborn war es besonders schlimm, wo es auch zu einem Toten kam.

 

In Neuenhaßlau hatte die Wehrmacht ein Tanklager eingerichtet, wo Flugzeugbenzin und auch das normale Benzin für Fahrzeuge lagerten. Es kam auch hier durch Angriffe der Japos zu Zerstörungen, obwohl schwere Maschinengewehre die Anlage sicherten.

 

Als ich eines Tages aus den Ferien nach Fulda zurückfuhr,

nahm mich ein Neuseser Ehepaar mit ins Abteil, was mich

stolz machte, denn der Mann war Hauptfeldwebel und mit vielen Kriegsorden, unter anderen das Eiserne Kreuz 1. Klasse, sowie „Spiegelei“ (siehe Bilder) dekoriert.

Er erzählte, dass er wieder in den Osten an die Front zurückkehre. Seine Frau aber unterdrückte ständig ihre Tränen, was mir nur als üblicher Abschiedsschmerz erschien. Eine Vorahnung? Der Mann ist einige Tage später gefallen. Furchtbar!

 

In Rothenbergen gab es einen Feldflugplatz, wo junge Piloten ausgebildet wurden.

Diese kamen dann aber ohne größere Kampferfahrung zum Einsatz, wobei die meisten von feindlichen Jagdflugzeugen abgeschossen wurden. In der Gemarkung Neuses mußte ein junger Pilot mit seiner Messerschmidt (ME 109) notlanden. Er konnte sich so vor einem Abschuss noch retten. Hier sah ich erstmals ein Flugzeug aus der Nähe. Die Kanzel war noch offen und ich konnte die Armaturen einsehen.

 

In der Gemarkung Altenmittlau stürzte ein amerikanischer Bomber ab (nahe der Freigerichthalle, die es damals noch nicht gab), und bohrte sich so tief in den Boden, dass man das Wrack kaum noch sehen konnte. 

 

Mein Arbeitseinsatz im Saargebiet

 

Anfang August 1944 kam der Befehl, alle Jugendliche, die mindestens 15 Jahre alt sind, werden zu einem Schanzeinsatz im Saarland eingesetzt. Schule null.

Seltsame Order. Ich wurde mit vielen Kameraden gleichen Alters ab Fulda Richtung Kassel befördert, am Bahnhof Niederzwehren mit Spaten versehen, neu verladen

und Richtung Westen gefahren. Die Stimmung bei uns Jugendlichen war teils begeistert, aber auch besorgt. Die Fahrt wurde nachts durchgeführt und wegen möglicher Luftangriffe durch feindliche Jabos. Am frühen Morgen gelangten wir nach Schoden. Hier wurden verschiedene Gruppen gebildet, Gott sei dank blieben wir Gymnasiasten zusammen. Auf dem Weg nach Ockfen kam der erste Fliegeralarm. Wir schmissen uns hinter Sträuche und Bäume, kurz einfach nur Safety first. Als der Angriff beendet war, die Jabos verschwunden waren, marschierten wir weiter. Und oh Schreck, die ersten verwundeten Kameraden einer anderen Abteilung lagen neben der

Strasse, wo sie notdürftig versorgt wurden. Das machte mich doch sehr bedenklich. In Ockfen angekommen wurden wir -11 Mann- in ein Bauernhaus eingewiesen.

Der Raum war so klein, dass wir auf dem verstreuten Stroh, welches die Unterlage bildete, nur zunächst auf der rechten, dann wieder auf der linken Körperseite liegend schlafen konnten. Was heißt schlafen, es war mehr ein Dämmern. Es gab häufig nächtliche Störungen, weil irgendeiner aufs Clo musste, andere schnarchten, es war schlimm. Es roch auch

nach Schweiss.

 

Beim ersten morgendlichen Appell auf einem größeren Dorfplatz kam der Befehl: Alle Mann zum Schanzen. Der Haufen setzte sich in Bewegung und ab gings zu einer Hangwiese nahe der Bahnlinie bzw. Saar. Noch ging es mit Hurra an die Arbeit. Zwischendurch klauten wir unreife Äpfel von nahstehenden Bäumen, was eigentlich verboten war. Das Ergebnis der Ernte war in der Nacht zu spüren. Wir kamen vom sogenannten Donnerbalken nicht

mehr runter. Das dauerte einige Tage, die Grube war total verstopft. Der Gestank war einfach ekelhaft.  Er durchzog  das ganze Gebäude. Dem Hausherrn gönnten wir das.

 

Was noch nennenswert ist, laut Order sollten wir vom Bauern täglich Wein und Wasser erhalten. Und was erhielten wir einen Eimer mit Wasser, in dem

saurer Wein (Essig) dazugefüllt war. Pfui!

 

Die Leute im Dorf waren überhaupt nicht gut auf uns

zu sprechen. Damals war die Tendenz, die Saarländer

wollen sich zu Frankreich bekennen, so auch der Wunsch

des in unserem Haus wohnenden behinderten Sohnes.

 

Bei einem Arbeitseinsatz durften wir zwischendurch

in der Saar baden. Wir hatten keine Badehosen dabei, was uns aber nichts ausmachte. Raus aus den Klamotten und nackend ins Wasser. Da gab es plötzlich Fliegeralarm. Das

übliche Trompetengeheul trieb uns aus dem Wasser. In dem Moment flog eine Lightning über uns hinweg (Doppelrumpf Jäger). Vor uns eine Stacheldrahtsperre, die wir zu überwinden hatten und die wir passieren mußten. Dabei rissen wir uns bei dem Gerenne einige Löcher in die Haut. Ich hatte komischweise keinerlei Schmerzen. Der feindliche Jäger hatte uns endeckt, drehte einige Runden und

überflog uns hin- und herwackelnd, als ob er uns sagen wollte, auf Kinder schieße ich nicht. Doch vielleicht hatte er auch keine Munition mehr in seiner Bordkanone.

 

Eines Tages beobachteten wir während der Schanzarbeiten ungewöhnlich viele deutsche Militärlastwagen und Panzer, die aus Richtung Saarburg Richtung Trier rollten.

Und irgendwann vernahmen wir Kanonendonner. Die Front rückte näher, die Wermacht zog sich zurück.

Und plötzlich kam der Befehl, fertigmachen zur Heimfahrt.

 

Zerstörung des Konvikts in Fulda durch Bomben.

 

Wir wurden in Personenwaggons ohne Fensterscheiben verladen und froren gewaltig. In dunkler Nacht ging es Richtung Ruhrgebiet. Bei Tagesgrauen hielt der Zug plötzlich an und es kam der Befehl, alles raus und in Deckung gehen. Zum Glück standen wir auf dem Bahnhof Gerolstein und verkrochen uns in der Bahnsteig-unterführung. Dussel gehabt, die feindlichen

Jäger flogen Richtung Westen ohne zu ballern.

Weiter fuhren wir an zerbombten Städten vorbei bis nach Kassel. Hier wurden wir umgeladen und es ging Richtung Fulda. Unterwegs hörten wir, dass in Fulda Bomben gefallen waren und auch das Konvikt (bischöfliches Schülerheim) getroffen sei. Ich hatte plötzlich furchtbare Angst, zumal mein jüngerer Bruder Hermann ja noch dort war und dass er sich unter den Toten befinden könnte. Mit bangen Gefühlen gelangten wir zum zerbombten Gebäude. Eine unheimliche Stille war vor Ort. Zunächst war niemand anwesend. Wir riefen solange, bis eine Schwester auftauchte und uns über das Geschehene berichtete. Es war grauenhaft!

Es waren 23 tote Schüler geborgen worden, die ich alle kannte sowie der Direktor Hofmann. Sie saßen während des Bombenangriffs auf dem Platz, wo auch ich immer saß. Ich dachte nur, mein Gott, das hätte mich auch treffen können. Mein Bruder war nicht unter den Verschütteten, aber auch nicht anwesend. War er etwa noch unter den Trümmern? Bangen Herzens fuhr ich mit dem Kameraden Rudi aus Horbach in später Nacht nach Hause. Irgendwie hatten wir noch in einen überfüllten Personenzug Platz bekommen.

Von Langenselbold ging keine Kleinbahn, also marschierten wir los. Meine erste Frage an meine Mutter: Wo ist Hermann. Sie strich mir übers Haar und weinte, er ist unten im Keller und hat furchtbare Angst. Er stand, wie er mir dann berichtete, bei dem Bombenfall in der Tür neben dem Direktor, der einen Teil der einstürzenden Decke auf den Kopf bekam und meinen Bruder unter sich begrub, ihm aber so das Leben rettete. In Panik sei er heraus gekrochen und total verängstigt und verstaubt zum Bahnhof gerannt, wo er einen Zug in Richtung Langenselbold erwischte.

Gott sei Dank.

 

Absturz eines amerikanischen Bombers in Kälberau.

 

Eines Tages überflog eine große Zahl amerikanischer Bomber unser Dorf. Und plötzlich sahen wir, wie sich bei einem Flugzeug Rauch entwickelte und es nach einigen Minuten abstürzte und zwar Richtung Alzenau. Wir wollten wissen, ob der Bomber es schaffte, notzulanden und ergriffen unsere Räder, um es vorort zu überprüfen. Neugier pur. Es waren doch einige Kilometer zu radeln, bis wir bei Kälberau eine große Rauchsäule sahen. Nichts wie hin, über Äcker und Wiesen kamen wir zur Absturzstelle. Was wir sahen, war schrecklich. Aus dem verbrannten Flugzeugtorso hockte in Höhe des Pilotensitzes ein verkohlter Körper. Der Kopf war zusammengeschrumpft und im oberen Stirnenteil war ein gelbliche Masse heraus geflossen. Grauenhaft.

Wir waren geschockt und machten uns wortlos auf den Heimweg. Das war meine zweite Begegnung mit der Grausamkeit des Krieges.

 

Meine  militärische Ausbildung in Eidengesäß.

 

Zwischendurch wurde ich zweimal nach Eidengesäß zu Wehrübungen einberufen. Es war eine schlimme Zeit. Zunächst marschierte ich mit dem Schulkameraden Hermann bei kaltem Winterwetter zum kasernenähnlichen

Gebäude, wo wir wegen Verspätung vor versammelter Mannschaft mächtig angeschissen wurden. Dabei war es nur ein Führer der HJ, der sich groß aufspielte. Bei miesem Wetter mussten wir alle raus in den winterlichen Wald, um große Holzscheite für die Öfen im Gebäude zu holen.

Ich hatte sofort die Nase gestrichen voll. Es begannen die üblichen Wehrübungen. Eines Tages befanden wir uns bei einer Übung auf freiem Feld, als ein amerikanischer Bomberverband über Gelnhausan hinweg flog. Ganz plötzlich brach bei einem Bomber ein Flügel ab und es öffneten sich fünf Fallschirme. Die Besatzung verließ das stürzende Flugzeug. Der Wind trieb die Fallschirme nach

allen Richtungen, einer flog in die unsere. Ein Feldwebel befahl uns auszuschwärmen, um den Ami festzunehmen.

Nach mehreren Hundert Metern sahen wir, wie ein Eisenbahner von der Strasse her mit ausgestrecktem Arm, der einen revolverähnlichen Gegenstand hielt, den Piloten in Schach hielt. Der Gegenstand war seine Tabakpfeife, wie es sich später herausstellte. Schnell umringten wir den Piloten, als der Eisenbahner uns zurief, der Ami habe etwas im Acker versteckt.

 

Der Feldwebel forderte ihn auf, er solle das Versteck zeigen, was dieser aber nicht tat. Darauf zog der Feldwebel seine Pistole und wollte den Piloten erschießen. Zudem trat er ihn mit seinem Stiefel ins Gesicht, worauf dieses mächtig blutete Das war für uns nun doch zu viel.

Wir umringten den Piloten und bildeten einen Schutzschild. Da besann sich der Feldwebel und ließ von ihm ab. Fünf Minuten später rollte die Deutsche Feldpolizei an und nahm den Ami mit.

Ende der Fahnenstange. Mieses Gefühl im Kopf.

 

Eines Tages überflog ein amerikanischer Bomberverband

Neuses. Wir Jungen befanden uns auf der Suche nach Karnickel in der Eichenhecke (Buchenwald Nähe Friedhof). Es waren unzählige Flugzeuge am Himmel. Plötzlich sahen wir deutsche Jäger im Anflug auf den Verband und es begann eine wilde Schießerei. Da passierte es, MG-Kugeln

prasselten über unsere Köpfe hinweg in die Blätter der Bäume. Wir gingen hinter einem Holzstapel in Deckung. Gott sei Dank ist uns nichts passiert.

 

În den letzten Kriegstagen desertierten viele Landser und

versuchten unerkannt nach hause zu kommen. Als ich einmal in unsere Holzhalle kam, sah endeckte ich eine Uniform, die ein deutscher Feldwebel heimlich dort abgelegt hatte. Zudem fand ich auch seine 08 Pistole, die ich aber

sofort versteckte. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Held.

 

Die Bombardierung Hanaus 1945

 

Diese Nacht im März 1945 bleibt mir auch für immer

in Erinnerung. Wir wurden aufgeschreckt von einem fürchterlichen Gedonner. Neugierig eilten wir zum

Fenster und sahen, wie sich der Himmel Richtung Hanau blutrot färbte. Es muß ein schreckliches Inferno in der

Stadt geherrscht haben. Das Ganze dauerte bald eine halbe

Stunde. An Weiterschlafen war nicht mehr zu denken.

 

Unser Vater war eingezogen worden und zwar im Alter

von weit über 50 Jahren. Dabei hatte er schon zwei Jahre in der Garde bei Kaiser Wilhelm in Berlin gedient und vier Jahre 1. Weltkrieg in Frankreich mitgemacht. Schlimm

für ihn und auch für die Familie. Irgendwann fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt und fand meinen Vater wirklich

in der Kaserne. Er und seine Kameraden waren gerade auf

dem Kasernenhof angetreten, als ich einfach zu ihm hin ging, einen Pack mit Unterwäsche und Kuchen übergab und ihn schlicht umarmte. Der Kompanieführer war sprachlos, was hat sich der Pimpf da erlaubt. Mir egal.

Es war ein sehr trauriger Moment für uns beide. Aber ich

war stolz, dass ich ihn in der mir bis dato noch völlig fremden Stadt gefunden hatte. Unglaublich

 

Luftmineneinschlag in Neuses

 

Eines abends sah ich mit Arnulf Zwergel vom Platz herkommend ein erleuchtetes Fenster. Uns graute es, wer

ist so dumm, denn über uns zog der „Eiserne Gustav“ seine

Kreise. Er war ein Einzelbomber und kam in den letzten Nächten regelmässig zu uns.

Er suchte, wo sich etwas helles zeigte und wo er dann seine Bombe abwerfen konnte. Genau das geschah bei uns heute.

Fazit: Wir rannten so schnell wie möglich zu einem Stollen

in der Albstadter Strasse. Unterwegs hörten wir das Sausen

der fallenden Bombe. Zum Glück befanden wir uns vor dem

Eingang des Stollens, als es fürchterlich krachte und wir beide im hohen Bogen in den Stollen stürzten, wo uns Gott sei Dank ein Mann auffing. Ausser Prellungen keine anderen Verletzungen.

Wieder daheim, sagte meine Mutter, viele Fensterscheiben sind zerplatzt und ein Rolladen hat sich ausgehangen.

Wie ich Tags darauf vor Ort festegestellt habe, war im Wald in der Nähe der Hirtenwiese zwischen Neuses und Albstadt ein gewaltiger Krater entstanden . Wehe, die Bombe wäre ins Dorf gefallen. Wieder mal Glück gehabt.

 

Wir Jugendlichen sollten zum Volkssturm.

 

Der nächste Schreck:

Ein Befehl vom Bürgermeister, es müssen sich alle Jungen ab 15 Jahren am nächsten Morgen vor dem Bürgermeister-amt einfinden. Es solle ein Volkssturm zur Feindabwehr im Land gebildet werden. Das hieß für uns Jungen im Dorf:

Abmarsch in den Neuseser Wald und eingraben. Wer will

sich schon abschlachten lassen.

Blitzschnell packten wir warme Sachen und Verpflegung zusammen und wir nahmen auch unsere Waffen mit (Luftgewehre, von fliehenden Soldaten wegeworfene Karabiner, Pistolen, Spaten, Messer usw.). Es kamen etwa wieder 11 Jungen zusammen.

Wir bauten einen Unterstand, gut getarnt und harrten der

Dinge, die da kommen sollten. In der Nacht hörten wir

Gefechtslärm, der nicht weit sein konnte. Also auf marsch marsch und Stellung beziehen. Es war mondhell, mit guter

Sicht im Wald. Plötzlisch lautes Rufen. Das kam näher und

ich hörte meinen Namen, Erleichterung, es war ein Schul-

kamerad. Er sagte, das die Amis näher kämen und schon in

Michelbach/Albstadt seien. Das war für uns das Signal:

Vorsichtiger Abmarsch Richtung Dorf.

Ganz sachte näherten wir uns ausschwärmend mit entsicherten Waffen über die Birkenhainer Strasse

der Albstadter Höhe, als wir eine Gestalt sahen, die

regungslos Richtung Westen starrte. Wir umkreisten diese

und zogen den Kreis immer enger, bis wir einen älteren

Neuseser antrafen, der vor Schreck am ganzen Körper zitterte. Er brachte zuerst kein Wort heraus. Ganz langsam begriff er, dass wir einheimische Buben waren.

Dann erzählte er, dass im Dorf keine Landser mehr wären.

Also schlichen wir vorsichtig zur Albstadter Hohl , wo

ein verlassenes Auto der deutschen Militärpolizei stand.

Beide Vordersitze wurden herausgerissen und mit nach Hause geschleppt. Einfach nur verrückt.

 

Noch eine kleine Geschichte muss ich loswerden.

Ich sah zufällig von meinem Zimmerfenster einen

amerikanischen Mustang über Neuses hin-und herfliegen.

Ich hatte eine Flinte (9 mm ), holte sie herbei und wartete

bis der nächste Anflug geschah. Prompt zielte ich auf den

Flieger und drückte ab. Natürlich kein Treffer. Damals

war ich sehr wütend auf die Amis. Meine Mutter schrie vor Entsetzen, als sie das mitbekam.

Ich war eben ein wehrhafter „Bubi“ geworden.

 

Auf Beutezug in Neuses                                              

 

Eines nachts hörte ich oben im Schlafzimmer lautes Gepolter unten auf der Strasse. Vom Fenster aus sah ich Leute mit Handwagen, beladen mit Kisten, vorbeiziehen.

Ich ging auf die Strasse und erfuhr von einem Bekannten,

dass es im Keller der Zigarrenfabrik Biba jede Menge Schnaps, Konserven und Anzugsstoffe zu holen gäbe. Ich nichts wie hin, eine Kiste Drei Stern Cognac geschnappt und heim damit. Dann schnappte ich mir eine Kiste Konserven und schaffte sie ebenfalls heim. Später holte ich mir eine Kiste mit Ölsardinen. Beim 4. Versuch fiel plötzlich ein Schuß und danach herrschte Stille. Was war geschehen. Es waren deutsche Soldaten, die dem ganzen ein Ende machten. Wahrscheinlich haben sie sich selbst bereichert. Egal.

Der grausame Tod meines Bruders Engelbert 1945.

 

Dann erlebte ich was ganz Schreckliches:

Wir standen mit einigen Jungen vor meinem Elternhaus in der Fabrikstrasse, als uns ein OT-Offizier von weitem eine

amerikanische Panzergranate, die nicht explodiert war, im hohen Bogen vor die Füsse warf. Er rief uns zu, so schlechte

Munition haben die Amis. Unverantwortlicher Idiot!

Wir hoben sie auf und zeigten sie Soldaten, die kurzfristig

bei uns im Keller warteten, bis sie sich umkleiden und

auf die Heimreise machen konnten. Diese waren entsetzt und riefen uns zu, nix wie raus. Ich nahm die Granate und legte sie in der Waschküche ab. Dann ging ich zurück in den Keller, wo ich eine Dose Fisch öffnete und als ich den ersten Bissen runter hatte, fragte meine Mutter, wo ist eigentlich unser Engelbert. Ich sagte, ich schau mal nach, begab mich nach oben, als ich mit meiner Jacke an dem Griff der Haustür hängen blieb. Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich hörte einen unheimlichen Schlag und glaubte, eine Granate hätte unser Haus getroffen. Vorsichtig betrat ich die Aussentreppe und erschrak fürchterlich. Im Hof lag blutüberströmt mein Bruder Engelbert, total verstümmelt. Ich möchte weiter nichts mehr dazu sagen. In mir kam ausser Trauer eine fürchterliche Wut auf. Ich gelobte Rache.

 

Zwei junge deutsche Soldaten tot im Erdloch.

 

Die Amerikaner besetzten Neuses und nahmen einige Landser fest. Ein weiterer wurde Nähe Friedhof erschossen.

Wir Jungen hatten in einer Scheune nahe der Kirche einen

Übungsraum eingerichtet, wo wir mit den gefundenen Waffen Übungen durchführten. Wir spielten Wehrwolf.

Als es die Amis erlaubten, durften die Leute für wenige Stunden ihre Häuser verlassen. Einige Kameraden und ich hörten, dass es in der Nähe der Sandkaute Richtung Horbach zwei Tote gegeben hätte. Wir gingen mutig auf die Stelle zu und erschraken. Zwei sehr junge deutsche Soldaten hockten tot und blutüberströmt in einem Schützenloch, die Helme voll mit geronnenem Blut, schrecklich. Ich hob einen MG-Munitionsgurt auf, versteckte ihn unter meiner Jacke und kehrte an einem Panzer vorbeilaufend unentdeckt in die Scheune zurück, wo ich sie ablegte. Purer Leichtsinn! In den nächsten Tagen führten wir heimliche Zusammenkünfte durch und berieten, was zu tun sei.

Es sollte jedoch alles anders kommen, als gedacht. Der Vater des Jungen, in dessen Scheune Waffen und Munition lagerten und der aus der Gefangenschaft oder irgendwie von wo anders heimkehrte, entdeckte die Waffen und Munition und warf alles in die Jauchegrube. Ich denke, das war unser

Glück.

Im Nachhinein muss ich sagen, das war verblendeter

dummer Jugendwahn. Für uns aber war es das Ende der Nazi-Glorie. Basta!

 

Kurz nach der Besetzung kam der Befehl, alle Waffen und sonstigen Kriegsgeräte abzugeben, zudem alle Brieftauben.

Warum die Brieftauben, das war mir unverständlich. Ich packte meine 5 Tauben in einen Sack und brachte sie zum Sammelplatz (Ortsmitte-heute Kaufhaus Benzing). Dort sah ich, wie Gewehre etc. von amerikanischen Soldaten lachend zertrümmert wurden. Meine Tauben wurden kurzerhand in einen Ami-Laster geworfen, was mich wütend machte. Plötzlich donnerte ein deutscher Düsenjäger (Typ Me 262) in geringer Höhe über uns hinweg. 

Die Amis rannten in alle Richtungen und suchten überall Deckung (Schiss in der Hose). Gegen den schnellsten Jäger des Krieges war noch kein Kraut gewachsen. Für mich war es eine Genugtuung.

 

Ein Ereignis muss ich noch loswerden. In den ersten Nachkriegsmonaten patrouillierten ältere Zivilisten nachts durch die Ortsstraßen in Neuses. Einmal passierte es,

ich mußte in der Nacht auf den Abort (damals Abee?),

der in einem Nebengebäude im Hof war, als ich Stimmen hörte. Ich wollte gerade mit dem Geschäft beginnen, doch ich brach ab, zog mein weisses Nachthemd über den Hintern und öffnete vorsichtig die Tür. Da standen zwei Leute im Dunkeln mit erhobenen Knüppeln vor mir und erstarrten  vor Schreck, als ich wie ein Geist aus dem Nichts vor ihnen stand. Peinlich, peinlich. Knurrend zogen sie wieder von dannen. Einfach Köstlich.

 

Im Herbst 1945 hatte Onkel Willi, der damals einen Kartonagenbetrieb besass, die Erlaubnis erhalten, Pappe in München abholen zu dürfen. Irgendwie hatte meine Mutter erfahren, dass unser Papa in München 2 Koffer bei einer Familie deponiert hatte. Ich wollte mitfahren, um diese Koffer zu holen. Damals ein Wagnis. Die Fahrt war eine reine Odyssee. Oftmals wurden wir von der amerikanischen Militärpolizei kontrolliert, besser schikaniert. Ich lag hinten im Lastwagen und musste immer wieder aussteigen. Schlimm. In der zerbombten Stadt München fand ich (einfach unglaublich) wirklich in dem Keller einer Ruine eine Frau, die mir einen Koffer übergab. Sie sagte, dass der zweite Koffer abhanden gekommen sei. Heute weiss ich, dass sie den gegen Fressalien eingetauscht hatte. Was solls.

Weiter ging die Fahrt Richtung Gefangenenlager nahe Fürstenfeldbruck. Ich glaubte, dass dort vielleicht mein Vater interniert sei. Am Lager angekommen, traute ich meinen Augen nicht, abertausende deutsche Soldaten kampierten dort unter freiem Himmel auf blanker Erde. Zum Glück war der Herbst noch recht warm. Mutig ging ich zu einem grossen Tor, welches von zwei Wachtürmen eingerahmt war.

 

Darüber sassen Kaugummi kauende amerikanische Soldaten, die ständig ihre Colts akrobatisch rumwirbelten und mehrmals lachend auf mich zielten. Das war deprimierend für mich und ich haute wieder ab. Ich heulte wie ein verletzter Schlosshund. Fürchterlich.

 

Mein Vater war aber tatsächlich dort in dem Lager und wurde einige Wochen später auch von dort entlassen.

 

Friedel Adam

Dipl. Ingenieur-Architekt

63579 Freigericht

 

auf meiner Homepage können Sie allerlei Wissenswertes über mich erfahren.

 

 

 

 

Meine Heimat, mein Leben, mein Freigericht...... meine Texte:     
                              

 

Freigerichter Hymne                            
                      

Über tausend Jahre, eine stolze Zahl,
Menschen kamen, Menschen gingen,
Freude, Hoffnung, Mühsal, Qual,
lachen, weinen, tanzen, singen.

 

Fünf Dörfer, Freigerichter Hort.
Dank dem Schöpfer für die Gnade

hier zu leben immerfort,
wo einst Friedrich sich hier labte.

 

Wo die Bauern treu dem Kaiser
kämpften gegen Feindesmacht,

und zum Dank dann jener Weise
dieses Land hat frei gemacht.

Freigericht, meine Heimatstadt,
hast viele Kriege überwunden,
gabst den Menschen Trost und Kraft,
Hoffnung, Mut in schweren Stunden.

Deine Wiesen, deine Felder
saugten auf den Schweiß der Bauern,
ringsum atmen grüne Wälder,
die alle Zeiten überdauern.

Freigericht, mein Heimatland,
bleib wohlbehütet in Gottes Hand!

 

 

 

 

 

Freigerichter Ballade ....        

Als Kaiser Rotbart lobesam
in unser Land geritten kam,
da reichten ihm die Bauern Wein,
man wollte ihm gefällig sein.
Der Kaiser war des Lobes voll,
den Apfelwein, den fand er toll.
Dazu gabs hausgemachte Wurst,
die machte damals schon viel Durst.
Indess muß ein Agent gewesen sein,
der sah, des Kaisers Schar ist klein.
Er meldete dem Feind sogleich,
der Überfall ist reif und leicht.
Der Kaiser ritt mit den Getreuen,
und dies sollt er noch fast bereuen,
trotz Veto vieler Bauersleut,
von dannen, im Herzen voller Freud.
Doch just im Wald bei Rodenbach,
da hielten Feinde ihn im Schach.
Die Recken kämpften voller Mut,
der Bach war rot vom vielen Blut.
Der Feind ist stark, ja übermächtig,
des Kaisers Haupt neigt sich bedächtig.
Und voller Inbrunst ruft er laut:
Ihr Bauersleut kommt her und haut
den Burschen mächtig mal aufs Maul,
vor Schreck scheute sein treuer Gaul
Und wie ein Blitz kamen sie an,
mit Gabeln, Sensen, Mann für Mann.
Sie hieben, daß die Fetzen flogen
und mähten mit den Sensebogen
alle Feinde siegreich nieder,
der Kaiser frei, nun lacht er wieder.
Und Friedrich war ja so bewegt,
daß seine Stimme sich belegt,
als er den Rettern dankt spontan:

Der Steuern frei seid ihr fortan!

"Der Steuern und im Gerichte frei seit ihr fortan!"

 

 

 

 

Heimatmelodie......

 

Spessart, deine tiefen Wälder,
Heimatland, wie bist du reich,
deine Bäche, Auen, Felder,
dem Garten Eden kommst du gleich.

Laß mir die Sonne scheinen, täglich,
gib mir die Lust zu fabulieren,
ach, Heimatland machs einfach möglich,
laß deinen Puls mich wärmend spüren.

Herrlich ist es hier zu sein,
in deinem Schoß geborgen,
ich lad den Frohsinn mir heut ein,
vergesse alle Sorgen.

Füll voll mein Glas und prost dir zu,
dir Heimat, dir mein Freigericht,
stoß mit dir an auf du und du,
hier lebe ich, hier atme ich.

 

Schön war die Zeit......

Unter der Eiche am Rodfeldshang
stand früher eine kleine Bank.
Auf ihr saß ich so viele mal
und sah hinab in weite Tal.
Die erste Liebe ich dort fand,
die mich für lange Zeit verband.

Kehr doch zurück, du schöne Zeit,
du, Liebste, in dem bunten Kleid.
Reich mir noch einmal deinen Mund,
laß uns vergessen Zeit und Stund,
im Abendwind, im Mondenschein,
laß all das schöne nochmal sein.

Die alte Eiche am Rodfeldshang,
sie steht nicht mehr, sie war so krank.
Unter ihr saß ich so viele mal
und sah hinab ins weite Tal.

Hier war ich frei von Sorgen, Leiden,
sie fehlt mir sehr für alle Zeiten.

 

Es muß nicht immer Kaviar sein......

Wenn ich um mich rum so schau,
betrachte meine kleine Welt,
da schimmerts schon mal grau in grau,
doch meistens ist es klar und hell.

Ich seh die Sterne und den Mond,
die Sonne, die mich wohlig wärmt,
den Wald, die Wiesen, wie gewohnt

die Vogelschar, die fröhlich lärmt.

Mein Garten grün, der Himmel blau,
was kann im Leben schöner sein,
und Freunde hab ich überall,
an diesem Ort bin ich daheim.

Es muß nicht immer Kaviar sein,
Champagner, Geld, das man erheischt,
die Lebensfreude muß es sein,
das Ja zum Leben macht dich reich!

 

Leben heißt lieben....

Leben heißt lieben,
Freundschaft gibt Kraft,
das Böse zu besiegen,
nur Liebe es schafft.
Leben heißt lieben,
es sei wie es sei,
Menschen, die lieben,
sind glücklich und frei!

Sie tanzen täglich ums goldene Kalb,
in ihren Augen funkelt die Gier,
sie rennen und rempeln ohne Halt,
verschließen den Freunden die Tür.

Der tägliche Tanz ums goldene Kalb
verfolgt sie in den Träumen bei Nacht,
oft quält sie dabei ein lähmender Alb,

schweißgebadet werden sie wach.

Tanzt nur so weiter ums golden Kalb,
bleibt auf halben Wege nicht stehn,
einer gebietet euch irgendwann Halt,
dann ist es zu spät, um Liebe zu flehn!

 

 

 

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© Sabine Adam